Doch wenn ihr nur ein paar Sekunden darüber nachdenkt, werdet ihr mir recht geben, daß diese Zuordnung unmöglich einen generalisierten Gültigkeitsanspruch stellen darf - denn realiter ist das eine nicht unbedingt ehrenhafter als das andere.
Unser Sprichwortschatz kennt das Problem: "Sage immer die Wahrheit, aber sage die Wahrheit nicht immer", wird hier empfohlen.
Ein netter Versuch, vor allem, wenn man die Sache mit dem moraltheologischen Kleid der "reservatio mentalis" schmückt - aber nicht immer ausreichend.
Das wußte auch Luther: "Was wäre es, schon um Besseres und der christlichen Kirche willen eine gute, starke Lüge tun."
Weit eleganter wußten es die Jesuiten zu formulieren, daß nämlich zwar die Lüge an sich unbedingt verwerflich sei, jedoch "nicht selten Gründe triftigster Art, sogar schwerwiegende sittliche Forderungen eine Verheimlichung der Wahrheit notwendig machen, die nicht nur durch bloßes Stillschweigen zu erreichen ist." Möglich würde dies durch den Gebrauch einer Aequivokation (einer vieldeutigen Antwort), wie etwa der Amphibolie (einer Rede mit mehrfacher Bedeutung). Sogar die Restriktion (die einschränkende Deutung einer Wendung) sei erlaubt, die zwar nicht den Buchstaben der Frage, wohl aber ihren eigentlichen Sinn trifft. Wer beispielsweise gefragt würde, ob er aus einer verseuchten Stadt käme, jedoch wüßte, daß er nicht infiziert ist, dürfte die Frage verneinen. Denn was der Fragende wissen wollte, wäre ja nur, ob er die Seuche mitbrächte; ein Ratschlag, den angeblich Kardinal Toletus aus der Gesellschaft Jesu erteilte. [4]
Ohne Zweifel würde freikirchliche Bibeltreue hier sofort auf die Offenbarung des Johannes 21,8 verweisen ("Die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner - ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein. Dies ist der zweite Tod.") und sofort eine klare Bestätigung des von ihnen suspizierten Wirkens des Teufels in den oben angeführten Konfessionen sehen - aber wäre das eigentlich "bibeltreu"?
Ich habe vorhin den Dekalog nachgelesen: Da steht meiner Meinung nach nichts davon, daß man nicht lügen soll.
Exodus 20 sagt im Vers 16: "Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten."
Interpretiere ich dieses "wider" nun als ein "gegenüber" - ja, dann wird hier verboten, die Unwahrheit zu sagen. Interpretiere ich es hingegen als ein "gegen" - dann wird hier nur verlangt, daß man nicht Dinge erfinden soll, um anderen zu schaden. Ich neige zu letzterer Deutung - sie scheint mir mehr "im Sinne des Gesetzes".
Ich möchte hier einen Herrn in den Zeugenstand rufen, dem man wahrlich nicht mangelnde Moralinsäure - äh, pardon, mangelndes Sittlichkeitsbewußtsein - vorwerfen kann:
Kant schreibt im dritten Band seiner "Metaphysik der Sitten", der "Tugendlehre": "Der Unterschied der Tugend vom Laster kann nie in Graden der Befolgung gewisser Maximen, sondern muß allein in der spezifischen Qualität derselben (dem Verhältnis zum Gesetz) gesucht werden; mit anderen Worten, der belobte Grundsatz (des Aristoteles), die Tugend in dem Mittleren zwischen zwei Lastern zu setzen, ist falsch." [1]
Sodann nimmt er in einer Schrift "Über Pädagogik" eine Einteilung der löblichen Tugenden vor: "Die Tugenden sind entweder Tugenden des Verdienstes oder bloß der Schuldigkeit oder der Unschuld. Zu den ersteren gehört Großmut (in Selbstüberwindung sowohl der Rache als der Gemächlichkeit und der Habsucht), Wohltätigkeit, Selbstbeherrschung; zu den zweiten Redlichkeit, Anständigkeit und Friedfertigkeit; zu den dritten endlich Ehrlichkeit, Sittsamkeit und Genügsamkeit." [2]
Doch als er des Atheismus verdächtigt und im Frühjahr 1794 vom preußischen Kultusminister Wöllner abgemahnt wird, erkennt auch er den hohen Wert der reservatio mentalis: "Widerruf und Verleugnung seiner inneren Überzeugung ist niederträchtig, aber Schweigen in einem Falle wie der gegenwärtige ist Untertanenpflicht, und wenn alles, was man sagt, wahr sein muss, so ist es darum doch nicht Pflicht, alle Wahrheit öffentlich zu sagen (. . .) Das Leben ist kurz, vornehmlich das, was nach schon gelebten siebzig Jahren übrig bleibt." [3]
Tja.
Was bleibt eigentlich über von der hochgerühmten Ehrlichkeit? Doch wohl nicht viel mehr als ein nettes Mäntelchen für geistige Faulheit, Phantasielosigkeit, Grausamkeit etc.
Ich habe ein sehr hübsches Zitat von Voltaire dazu gefunden: "Die Lüge ist eine sehr hohe Tugend, wenn sie Gutes tut. Man muß wie der Teufel lügen, nicht zaghaft, nicht zu Zeiten, sondern mutig und immer."
*ggg*
Ausgehend davon, daß das von Voltaire angesprochene "Gute" sehr wohl auch das eigene sein kann, kann ich mich dem vollinhaltlich anschließen.
Und nun: Wie haltet ihr es mit der Lüge?
[1] http://www.hkbu.edu.hk/~ppp/K1texts.html
[2] http://www.textlog.de/32807.html
[3] http://www.wienerzeitung.at/Desktopdefa ... P&cob=4216
[4] http://www.physiologus.de/luege.htm

