"Du sollst nicht lügen"? Ach, tatsächlich?

"Du sollst nicht lügen"? Ach, tatsächlich?

Beitragvon Quigor am 30. September 2008, 19:48

Gemeiniglich wird Ehrlichkeit als tugendhaft, Lüge hingegen als lasterhaft betrachtet. :kopfschuettel:
Doch wenn ihr nur ein paar Sekunden darüber nachdenkt, werdet ihr mir recht geben, daß diese Zuordnung unmöglich einen generalisierten Gültigkeitsanspruch stellen darf - denn realiter ist das eine nicht unbedingt ehrenhafter als das andere.

Unser Sprichwortschatz kennt das Problem: "Sage immer die Wahrheit, aber sage die Wahrheit nicht immer", wird hier empfohlen.
Ein netter Versuch, vor allem, wenn man die Sache mit dem moraltheologischen Kleid der "reservatio mentalis" schmückt - aber nicht immer ausreichend.

Das wußte auch Luther: "Was wäre es, schon um Besseres und der christlichen Kirche willen eine gute, starke Lüge tun."
Weit eleganter wußten es die Jesuiten zu formulieren, daß nämlich zwar die Lüge an sich unbedingt verwerflich sei, jedoch "nicht selten Gründe triftigster Art, sogar schwerwiegende sittliche Forderungen eine Verheimlichung der Wahrheit notwendig machen, die nicht nur durch bloßes Stillschweigen zu erreichen ist." Möglich würde dies durch den Gebrauch einer Aequivokation (einer vieldeutigen Antwort), wie etwa der Amphibolie (einer Rede mit mehrfacher Bedeutung). Sogar die Restriktion (die einschränkende Deutung einer Wendung) sei erlaubt, die zwar nicht den Buchstaben der Frage, wohl aber ihren eigentlichen Sinn trifft. Wer beispielsweise gefragt würde, ob er aus einer verseuchten Stadt käme, jedoch wüßte, daß er nicht infiziert ist, dürfte die Frage verneinen. Denn was der Fragende wissen wollte, wäre ja nur, ob er die Seuche mitbrächte; ein Ratschlag, den angeblich Kardinal Toletus aus der Gesellschaft Jesu erteilte. [4]

Ohne Zweifel würde freikirchliche Bibeltreue hier sofort auf die Offenbarung des Johannes 21,8 verweisen ("Die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner - ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein. Dies ist der zweite Tod.") und sofort eine klare Bestätigung des von ihnen suspizierten Wirkens des Teufels in den oben angeführten Konfessionen sehen - aber wäre das eigentlich "bibeltreu"?

Ich habe vorhin den Dekalog nachgelesen: Da steht meiner Meinung nach nichts davon, daß man nicht lügen soll.
Exodus 20 sagt im Vers 16: "Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten."
Interpretiere ich dieses "wider" nun als ein "gegenüber" - ja, dann wird hier verboten, die Unwahrheit zu sagen. Interpretiere ich es hingegen als ein "gegen" - dann wird hier nur verlangt, daß man nicht Dinge erfinden soll, um anderen zu schaden. Ich neige zu letzterer Deutung - sie scheint mir mehr "im Sinne des Gesetzes".

Ich möchte hier einen Herrn in den Zeugenstand rufen, dem man wahrlich nicht mangelnde Moralinsäure - äh, pardon, mangelndes Sittlichkeitsbewußtsein - vorwerfen kann:
Kant schreibt im dritten Band seiner "Metaphysik der Sitten", der "Tugendlehre": "Der Unterschied der Tugend vom Laster kann nie in Graden der Befolgung gewisser Maximen, sondern muß allein in der spezifischen Qualität derselben (dem Verhältnis zum Gesetz) gesucht werden; mit anderen Worten, der belobte Grundsatz (des Aristoteles), die Tugend in dem Mittleren zwischen zwei Lastern zu setzen, ist falsch." [1]
Sodann nimmt er in einer Schrift "Über Pädagogik" eine Einteilung der löblichen Tugenden vor: "Die Tugenden sind entweder Tugenden des Verdienstes oder bloß der Schuldigkeit oder der Unschuld. Zu den ersteren gehört Großmut (in Selbstüberwindung sowohl der Rache als der Gemächlichkeit und der Habsucht), Wohltätigkeit, Selbstbeherrschung; zu den zweiten Redlichkeit, Anständigkeit und Friedfertigkeit; zu den dritten endlich Ehrlichkeit, Sittsamkeit und Genügsamkeit." [2]
Doch als er des Atheismus verdächtigt und im Frühjahr 1794 vom preußischen Kultusminister Wöllner abgemahnt wird, erkennt auch er den hohen Wert der reservatio mentalis: "Widerruf und Verleugnung seiner inneren Überzeugung ist niederträchtig, aber Schweigen in einem Falle wie der gegenwärtige ist Untertanenpflicht, und wenn alles, was man sagt, wahr sein muss, so ist es darum doch nicht Pflicht, alle Wahrheit öffentlich zu sagen (. . .) Das Leben ist kurz, vornehmlich das, was nach schon gelebten siebzig Jahren übrig bleibt." [3]
Tja.

Was bleibt eigentlich über von der hochgerühmten Ehrlichkeit? Doch wohl nicht viel mehr als ein nettes Mäntelchen für geistige Faulheit, Phantasielosigkeit, Grausamkeit etc.
Ich habe ein sehr hübsches Zitat von Voltaire dazu gefunden: "Die Lüge ist eine sehr hohe Tugend, wenn sie Gutes tut. Man muß wie der Teufel lügen, nicht zaghaft, nicht zu Zeiten, sondern mutig und immer."
*ggg*
Ausgehend davon, daß das von Voltaire angesprochene "Gute" sehr wohl auch das eigene sein kann, kann ich mich dem vollinhaltlich anschließen.

Und nun: Wie haltet ihr es mit der Lüge? :angel2:


[1] http://www.hkbu.edu.hk/~ppp/K1texts.html
[2] http://www.textlog.de/32807.html
[3] http://www.wienerzeitung.at/Desktopdefa ... P&cob=4216
[4] http://www.physiologus.de/luege.htm
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Re: "Du sollst nicht lügen"? Ach, tatsächlich?

Beitragvon Angsthase am 1. Oktober 2008, 16:50

Okay, mal ein paar Gedanken.

Hm, erstmal theologisch, das ist einfacher:
Die christliche Theologie hat die Lüge durch die Zeit hinweg als Sünde dargestellt. Auf eine Unterscheidung über die Sinnhaftigkeit und/oder Notwendigkeit einer Lüge lässt sich die Theologie nicht wirklich ein. Die Wahrheit gilt als höchstes Gut unter den Menschen und damit auch Gott gegenüber.
Das beste Beispiel stellt wohl Augustinus dar. Für ihn ist "die Lüge ist eine Aussage mit dem Willen, Falsches auszusagen". Das geht soweit, dass er die Lüge nicht nur als 'normale' Sünde sieht, sondern als Folge des Lügens den "Tod der Seele".
Die heutige Moraltheologie unterscheidet mittlerweile zwar zwischen "schweren" und "nützlichen" Lügen, also jenen Lügen, die einen anderen schützen, sieht aber die Lüge nach wie vor als Sünde - und damit als falsch - an.
Biblisch betrachtet ist das auch einfach richtig. Die Bibel ist sehr deutlich, was das Lügen angeht. Ich verweise hier mal auf

Eph 4,25
Deshalb, da ihr die Lüge abgelegt habt, redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, denn wir sind Glieder voneinander.


Dieser Ausdruck "Glieder voneinander" ist auch etwas, worauf sich der Anspruch Augustinus nach Wahrheit aufbaut. Er sieht die von Gott gegebene Menschenwürde als beeinträchtigt an, wenn man seinem Gegenüber die Unwahrheit sagt. Damit versündigt man sich also nicht nur gegen den Nächsten sondern auch noch gleich gegen Gott. Ein ziemlich heftiger Schluss, der aber bis heute gültig ist.
Soviel mal zum kirchlichen Standpunkt im Laufe der Zeit.

In der kirchenunabhängigen Philosophie sieht es heute allerdings schon anders aus. Immer mehr Philosophen sehen ein 'Recht auf Lüge', manche sogar eine Art gesellschaftliche Verpflichtung die Unwahrheit zu sagen um das Gleichgewicht im täglichen Umgang zu halten. Und hier kann ich mich anschließen - allerdings braucht diese Argumentation für mich einen anderen Ansatz, nämlich den der Wertfreiheit von Lügen.
Mal genauer:
Meiner Meinung nach gibt es zwei Arten von Lügen. Einerseits solche, die tatsächlich darauf abzielen einen Vorteil zu erlangen oder sogar dem Anderen zu schaden - und eben solche, die man aus Höflichkeit ausspricht, oder um jemanden zu schützen. Letztere Gruppe von Lügen halte ich sogar für notwendig um ein friedliches Miteinander zu ermöglichen und meinem Gegenüber wertzuschätzen.
Wenn ich aber diese Unterscheidung treffe, kann ich die Lüge nicht mehr grundsätzlich als "moralisch verwerflich" einstufen, sondern komme zu dem Schluss, dass die Lüge an sich wertungsfrei ist. Es ist viel mehr das Ziel der Lüge, welches ich aus moralischer Sicht eben als verwerflich bewerten kann. Und genauso halte ich es mit der Lüge. Ich versuche nicht zu lügen, wenn ich damit jemandem schaden könnte. Aber Lügen der Höflichkeit gehören auch für mich zum Alltag. Und dabei plagt mich sicher auch kein schlechtes Gewissen - oder zumindest weniger, als wenn ich wen durch Ehrlichkeit beleidigt hätte.

Jut. Soviel dazu. Allerdings hat sich die Diskussion bisher darauf konzentriert, dass man Andere anlügt.
Doch was ist eigentlich mit uns selbst? Offensichtlich kann man Wahrheit nicht jedem zumuten, aber doch zumindest sich selbst allemal, oder?
Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt ?
Sind es zwey, die sich erlesen,
Daß man sie als eines kennt ?

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Re: "Du sollst nicht lügen"? Ach, tatsächlich?

Beitragvon Quigor am 1. Oktober 2008, 17:53

Hase, Du hast mich da gerade auf eine witzige Idee gebracht... aber zunächst mal der Reihe nach:

Angsthase hat geschrieben:Das beste Beispiel stellt wohl Augustinus dar. Für ihn ist "die Lüge ist eine Aussage mit dem Willen, Falsches auszusagen". Das geht soweit, dass er die Lüge nicht nur als 'normale' Sünde sieht, sondern als Folge des Lügens den "Tod der Seele".

Gemäß seiner Vorstellung wäre diese Welt also ausschließlich von Zombies besiedelt. Hm... der gute Mann war wohl schon ein wenig "überspannt", hm?

Die heutige Moraltheologie unterscheidet mittlerweile zwar zwischen "schweren" und "nützlichen" Lügen, also jenen Lügen, die einen anderen schützen, sieht aber die Lüge nach wie vor als Sünde - und damit als falsch - an.

Also definitiv nicht nur die sogenannten "Schadenslügen"?
Soviel also zu den Ausführungen des ehrenwerten Toletus.

Biblisch betrachtet ist das auch einfach richtig. Die Bibel ist sehr deutlich, was das Lügen angeht. Ich verweise hier mal auf
Eph 4,25 Deshalb, da ihr die Lüge abgelegt habt, redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, denn wir sind Glieder voneinander.

Okay, das ist eine der Moralpredigten des guten Paulus - seine Briefe strotzen ja nur so von "Ermahnungen".
Aber der Dekalog selbst? Berechtigt Ex 20, 16 zu den Schlußfolgerungen eines Augustinus?
Und sieht Augustinus tatsächlich die Menschenwürde weniger verletzt, wenn man jemanden offen beleidigt - und damit "herabwürdigt"?

Meiner Meinung nach gibt es zwei Arten von Lügen. Einerseits solche, die tatsächlich darauf abzielen einen Vorteil zu erlangen oder sogar dem Anderen zu schaden - und eben solche, die man aus Höflichkeit ausspricht, oder um jemanden zu schützen. Letztere Gruppe von Lügen halte ich sogar für notwendig um ein friedliches Miteinander zu ermöglichen und mein Gegenüber wertzuschätzen.
Wenn ich aber diese Unterscheidung treffe, kann ich die Lüge nicht mehr grundsätzlich als "moralisch verwerflich" einstufen, sondern komme zu dem Schluss, dass die Lüge an sich wertungsfrei ist. Es ist viel mehr das Ziel der Lüge, welches ich aus moralischer Sicht eben als verwerflich bewerten kann.

Ein meiner Meinung nach durch und durch korrekter Gedankengang, der im Umkehrschluß dann auch für die hochgelobte Ehrlichkeit gilt: Beides ist an sich wertfrei. Diskutieren kann man höchstens darüber, ob bei einer Bewertung die dahinterstehende Intention - oder die daraus resultierenden Folge die vorrangige Rolle spielen sollte.

Doch was ist eigentlich mit uns selbst? Offensichtlich kann man Wahrheit nicht jedem zumuten, aber doch zumindest sich selbst allemal, oder?

Tja. Ich habe Dir natürlich auf der Stelle mit größter Begeisterung recht gegeben - und dabei bleibe ich auch.
Mir ist nur leider sofort eingefallen, wieso es in jedem Fall besser ist, sich selbst mit jeder Wahrheit zu konfrontieren, derer man habhaft werden kann: Weil man sich damit mehr Möglichkeiten eröffnet, mehr Freiraum gewinnt, besser mit sich zurechtkommt und "wächst".
Aber dann schließt sich natürlich geradezu zwingend die Frage an: Wieso will ich meinem Mitmenschen diese Möglichkeiten verwehren?
Hm. Hast Du eine Antwort darauf?
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Re: "Du sollst nicht lügen"? Ach, tatsächlich?

Beitragvon Angsthase am 1. Oktober 2008, 19:13

Quigor hat geschrieben:Gemäß seiner Vorstellung wäre diese Welt also ausschließlich von Zombies besiedelt. Hm... der gute Mann war wohl schon ein wenig "überspannt", hm?


Tja, ein Mann seiner Zeit. Aber ja, wenn man sich seine Philosophie, speziell die Höllenlehre, mal anschaut, kann man den Eindruck schon gewinnen...
Allerdings ist er immer noch ein beliebtes Thema in der heutigen Theologie.

Also definitiv nicht nur die sogenannten "Schadenslügen"?
Soviel also zu den Ausführungen des ehrenwerten Toletus.


Doch. Schadenslügen wirken noch schwerer als normale Lügen. Aber es ist eben einfach alles Sünde. Es wird unterschieden zwischen Lügen, wo man sich nicht "vollpersonal" gegen Gott wendet, also kleinere Lügen, und eben schwere Lügen, die alles zerstören. Das liegt daran, dass eine schwere Lüge sich auch gegen andere christliche Grundsätze wendet, wie z. B. eben die Nächstenliebe.
Aber auch wenn eine sehr leichte Abstufung zu erkennen ist - es ist und bleibt ein Handeln gegen Gott und damit Sünde. Und da wird auch nicht gehandelt.

Aber der Dekalog selbst? Berechtigt Ex 20, 16 zu den Schlußfolgerungen eines Augustinus?
Und sieht Augustinus tatsächlich die Menschenwürde weniger verletzt, wenn man jemanden offen beleidigt - und damit "herabwürdigt"?


Naja, du darfst nicht vergessen, dass Augustinus vom "guten Menschen" ausgeht, der eh keine schlechten Gedanken über seinen Nächsten hätte. Also wäre die Wahrheit ja immer nett und schön, verstehst du? *g*
Und der Dekalog. Hmmm.
Deine Interepretation ist eben eine Interpretation - und von katholischer Sicht nicht haltbar. Ursprünglich bezog sich das Gebot tatsächlich auf das Gerichtsverfahren, wo die Aussage zweier Zeugen über Schuld oder Unschuld des Angeklagten entschieden haben. Und damit eben auch über Leben und Tod. Deshalb ist die Formulierung, wie sie ist. Aber übertragen bedeutet es eben, dass die Wahrheit immer und in jedem Fall gesagt werden muss - über und zu seinem Nächsten. Damit soll Freiheit und Würde der Person garantiert werden.

Meiner Meinung nach gibt es zwei Arten von Lügen. Einerseits solche, die tatsächlich darauf abzielen einen Vorteil zu erlangen oder sogar dem Anderen zu schaden - und eben solche, die man aus Höflichkeit ausspricht, oder um jemanden zu schützen. Letztere Gruppe von Lügen halte ich sogar für notwendig um ein friedliches Miteinander zu ermöglichen und mein Gegenüber wertzuschätzen.
Wenn ich aber diese Unterscheidung treffe, kann ich die Lüge nicht mehr grundsätzlich als "moralisch verwerflich" einstufen, sondern komme zu dem Schluss, dass die Lüge an sich wertungsfrei ist. Es ist viel mehr das Ziel der Lüge, welches ich aus moralischer Sicht eben als verwerflich bewerten kann.

Diskutieren kann man höchstens darüber, ob bei einer Bewertung die dahinterstehende Intention - oder die daraus resultierenden Folge die vorrangige Rolle spielen sollte.


Und was denkst du darüber? Was steht im Vordergrund, Folge oder Intention?

Mir ist nur leider sofort eingefallen, wieso es in jedem Fall besser ist, sich selbst mit jeder Wahrheit zu konfrontieren, derer man habhaft werden kann: Weil man sich damit mehr Möglichkeiten eröffnet, mehr Freiraum gewinnt, besser mit sich zurechtkommt und "wächst".


*nick* Das unterschreibe ich genauso und halte das auch für allgemein gültig. Da gibts nix zu handeln.

Aber dann schließt sich natürlich geradezu zwingend die Frage an: Wieso will ich meinem Mitmenschen diese Möglichkeiten verwehren?
Hm. Hast Du eine Antwort darauf?


Joa, aber sie gefällt mir nicht.
Schau, warum sollte mir das "Wachsen" meiner Mitmenschen am Herzen liegen, wenn ihr wachsen mir nur Probleme macht, weil sie sich anfangs durch die Wahrheit eh nur auf den Schwanz gestiegen fühlen?
Ich denke, es ist auch Bequemlichkeit. Es mag ja sein, dass die Person retrospektiv über meine Ehrlichkeit dankbar wäre - aber im Moment des Aussprechens wird sie mich für ein kaltherziges und gemeines Stück halten. Und das würde ich gern vermeiden, denn es ist anstrengend und meist wenig nutzvoll im gemeinsamen Umgang. Net schön, aber sicher ein Grund für Höflichkeitslügen.
Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt ?
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Re: "Du sollst nicht lügen"? Ach, tatsächlich?

Beitragvon Quigor am 2. Oktober 2008, 18:03

Angsthase hat geschrieben:Tja, ein Mann seiner Zeit. Aber ja, wenn man sich seine Philosophie, speziell die Höllenlehre, mal anschaut, kann man den Eindruck schon gewinnen...
Allerdings ist er immer noch ein beliebtes Thema in der heutigen Theologie.

Bevor ich Dir antworte, gehe ich jetzt erst einmal ein bißchen Augustinus lesen; das wird meinem Verständnis seiner Gedankengänge hoffentlich auf die Sprünge helfen.

Bis später also!
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Re: "Du sollst nicht lügen"? Ach, tatsächlich?

Beitragvon Lazarus am 9. Oktober 2008, 15:58

Quigor hat geschrieben:Mir ist nur leider sofort eingefallen, wieso es in jedem Fall besser ist, sich selbst mit jeder Wahrheit zu konfrontieren, derer man habhaft werden kann: Weil man sich damit mehr Möglichkeiten eröffnet, mehr Freiraum gewinnt, besser mit sich zurechtkommt und "wächst".



Ich misch mal mit.
Ihr verwendet beide den Begriff des "Wachsens" und stellt es so dar, als sei das tatsächlich ein Ziel, welches alle Menschen gemeinsam haben. Aber das bestreite ich. Ich beobachte sehr häufig, dass Menschen selbstzufrieden ihr Leben als Status Quo sehen und genießen. Die Suche nach Entwicklung, Wissen oder sogar Weisheit scheint spätestens beim Eintritt in das Berufsleben abgeschlossen.
Der Umgang mit der eigenen Wahrheit ist meist unbequem und wird gemieden. Gerade bei solchen Menschen, die den Gebrauch von Wahrheit überbetonen und als höchstes Gut darstellen, stellt man schnell fest, dass ihr eigenes Leben eine Fülle von unüberdachten Sichtweisen ist, die auch zwangsläufig dann Lügen enthalten, die aber nicht als solche gesehen werden. Es sind eher "Lebenserfahrungen", die zu seltsamen Einstellungen führen, die spätestens auf den zweiten Blick verlogen und hässlich sind, aber als Erfahrung eben auch nicht revidierbar.
Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in einer Garage steht.

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Re: "Du sollst nicht lügen"? Ach, tatsächlich?

Beitragvon Metatron am 27. Oktober 2008, 00:15

Okay, spät, aber misch mich auch mal ein. Mir gehts um zwei Punkte, in den anderen kann ich eure Positionen wohl einfach nur unterschreiben.

Punkt 1: Auch wenn Quigor es zweimal angesprochen hat, hat sich die Aussage des Kardinals Toletus doch in dieser Diskussion verloren. Für mich sehr richtig habt ihr unterschieden in "Schadenslügen" und "Höflichkeitslügen" und damit der Intention Vorrang gegenüber den Folgen der Lüge eingeräumt. Toletus sagt, wir sollten eine Frage nach ihrer Intention beantworten, nicht ihren Buchstaben nach. Ich frage mich nun, wie ihr diese Sorte Lüge beurteilt.

Denn eine Lüge hier wäre nicht schädlich - bleiben wir bei den Worten des Kardinals - ich bin nicht pestgeschädigt, also entsteht meinen Mitmenschen keinen Schaden aus dieser Lüge, sie werden nicht infiziert. Aber auf der anderen Seite sehe ich vor allem zwei Probleme mit dieser Klasse von Lügen: zum einen zerstören sie das Vertrauen. Und schaden damit der Gemeinschaft, denn ein Zusammenleben ist für meine Begriffe ohne zumindest ein Mindestmaß an Vertrauen, und sei es in das Einhalten gesellschaftlicher Konventionen, nicht möglich. Zum anderen - woher kenne ich die Intention meines Gegenübers so genau? Im Pestfall ist das wahrscheinlich einfach, aber ich glaub jedem fallen ein Dutzend schwierigere Situationen ein.

Um es kurz zu machen: ich bin heut der Meinung, dass diese Lügen schaden und deshalb falsch sind.

Punkt 2: Zur Wahrheit gegen sich selbst. Eigentlich hätte ich das so unterschreiben können. Ich weiß, gerade von mir klingt das wohl merkwürdig. Ich denke, viele tun sich damit schwer, weil es unbequem ist. Wahrheit suchen heißt wohl auch immer, eigene Fehler vor sich zuzugeben. Wahrheit suchen heißt eigentlich immer, zu zweifeln. Das ist nicht eben angenehm. Und ich denke, darum drückt sich eine Mehrheit, die hauptsächlich auf die kurzfristige Stillung der eigenen Bedürfnisse achtet. Und dazu gehört auch meist ein Streben nach Anerkennung, nach Geltung. Und die liefert eine Lüge schneller als die Wahrheit, auch wenn sie oft nicht eben lange hält.
Was denkt ihr, woran liegt diese Neigung zur Lüge?
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Re: "Du sollst nicht lügen"? Ach, tatsächlich?

Beitragvon Lazarus am 16. Dezember 2008, 16:32

Metatron hat geschrieben:Punkt 1: Auch wenn Quigor es zweimal angesprochen hat, hat sich die Aussage des Kardinals Toletus doch in dieser Diskussion verloren. Für mich sehr richtig habt ihr unterschieden in "Schadenslügen" und "Höflichkeitslügen" und damit der Intention Vorrang gegenüber den Folgen der Lüge eingeräumt. Toletus sagt, wir sollten eine Frage nach ihrer Intention beantworten, nicht ihren Buchstaben nach. Ich frage mich nun, wie ihr diese Sorte Lüge beurteilt.


Welche Sorte jetzt wie beurteilen?
Ich dachte, das sei klar. Schadenslügen sind schlecht, Höflichkeitslügen eben oft notwendig und damit auch gut zu heißen, weil sie ein gesellschaftliches Miteinander ermöglichen.

Aber auf der anderen Seite sehe ich vor allem zwei Probleme mit dieser Klasse von Lügen: zum einen zerstören sie das Vertrauen.


Warum hat dir die Person vorher vertraut? Du setzt hier einen Vertrauensvorsprung voraus, der dir in der normalen Gesellschaft doch überhaupt nicht gewährt wird. Du beginnst bei Null.

Und schaden damit der Gemeinschaft, denn ein Zusammenleben ist für meine Begriffe ohne zumindest ein Mindestmaß an Vertrauen, und sei es in das Einhalten gesellschaftlicher Konventionen, nicht möglich.


Ich glaube, du setzt deine Erwartungshaltung mit "Mindestmaß an Vertrauen" gleich. Natürlich erwarte ich, dass jemand bei Rot nicht über die Ampel läuft, aber ich vertraue nicht darauf, sondern lass meinen Fuß über der Bremse. Siehst du den Unterschied?

Zum anderen - woher kenne ich die Intention meines Gegenübers so genau?


Hier widersprichst du dir. Wenn du ein Mindestmaß an Vertrauen hast, müsstest du doch davon ausgehen, dass die Intention deines Gegenübers immer Ehrlichkeit ist.
Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in einer Garage steht.

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Re: "Du sollst nicht lügen"? Ach, tatsächlich?

Beitragvon Metatron am 10. Februar 2009, 00:50

Entschuldige, auch hier bin ich Antworten schuldig geblieben. Ich lasse sie jetzt nachfolgen.

Lazarus hat geschrieben:Welche Sorte jetzt wie beurteilen?

Mir ging es hier um diese Klasse von Lügen, die der Kardinal in seinem Beispiel von der Pest angesprochen hat: die wahrheitswidrige Behauptung, man käme nicht aus einer pestverseuchten Stadt kann ich nicht einordnen. Sie ist für mich keine Höflichkeitslüge, aber was der Kardinal meiner Meinung nach sagt, ist, dass hier auch kein Schaden entsteht, diese Lüge also auch keine Schadenslüge und damit entschuldbar wäre. Und genau dagegen hatte ich eingewandt, dass sehr wohl ein Schaden entsteht:
Aber auf der anderen Seite sehe ich vor allem zwei Probleme mit dieser Klasse von Lügen: zum einen zerstören sie das Vertrauen.

Wenn die Lüge entdeckt wird, könnte in dem Fall der Pest eine Panik ausbrechen, Menschen, die ebenfalls nicht erkrankt wären würden wohl mit deutlich mehr Misstrauen behandelt und quasi standardmäßig als Lügner behandelt. Und so würde diese Lüge zwar nicht direkt (durch die Übertragung der Pest) schaden, aber indirekt durch das verbreitete Misstrauen eben durchaus Schaden anrichten. Du hast allerdings Recht: das hat weniger mit Vertrauen als mit der Erwartung zu tun. Aber kann die nicht genauso durch diese Lüge verändert werden?

Warum hat dir die Person vorher vertraut? Du setzt hier einen Vertrauensvorsprung voraus, der dir in der normalen Gesellschaft doch überhaupt nicht gewährt wird. Du beginnst bei Null.

Gute Frage. Ich hatte einfach angenommen, dass mir bzw. dem Lügner im Beispiel des Kardinals geglaubt wird. Dass, wie du ja bemerkst, nicht erwartet wird, dass ich lüge.

Ich hoffe mal, ich bin einigermaßen verständlich...
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Re: "Du sollst nicht lügen"? Ach, tatsächlich?

Beitragvon Quigor am 15. November 2009, 23:19

Lazarus hat geschrieben:Wenn du ein Mindestmaß an Vertrauen hast, müsstest du doch davon ausgehen, dass die Intention deines Gegenübers immer Ehrlichkeit ist.

Hier übertreibst Du. Bei einem Mindestmaß an Vertrauen kann höchstens vorausgesetzt werden, daß das Gegenüber nur dann wissentlich lügt, wenn es damit einen effektiven Vorteil lukriert.
Das Ausmaß des Vertrauens hingegen, daß Du umrissen hast, ist wohl kaum zu toppen.
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