Die Katastrophe des Digi-Zeitalters und seiner Fürsprecher

Die Katastrophe des Digi-Zeitalters und seiner Fürsprecher

Beitragvon Metatron am 10. Dezember 2009, 17:08

Ich bin hier gerade auf einen Beitrag der Zeit gestoßen: http://www.zeit.de/digital/internet/200 ... n?page=all

Geschrieben wurde der Beitrag allerdings größtenteils vom Chaos Computer Club. In ihm wird u.a. argumentiert, Filesharing genieße in der Bevölkerung mehr Unterstützung als die deutsche Regierungskoalition, weil die Zahl der Nutzer höher sei als die Wähler, die tatsächlich für Schwarz-Gelb gestimmt haben. Neben Kritik an den "veralteten" Geschäftsmodellen von Verlagen und anderen Inhalteanbietern, wird vor allem Filesharing als demokratisches, billiges und dezentrales Distributionsnetzwerk gelobt, dessen "Zukunftstechnologie" nicht durch die Blockade der Inhalteanbieter etwa durch Überwachung und Kontrolle verhindert werden dürfe.

Ich suche ja immer noch nach dem Geschäftsmodell, das auf Filesharing aufbauend Geld verdient. In dem Artikel wird keins vorgestellt. :ka:

Worum es mir aber erstmal geht, steht in einem Kommentar darunter:
Es ist eine alte Tugend: Wer etwas übrig hat, oder es ohne Mühe vervielfältigen kann, dessen moralische Pflicht ist es, denen zu geben, die bedürftig sind.

Die Filesharing-Moral ist keine neue Erfindung, sondern instinktives Menschenrecht, das daher auch von den Weltreligionen in ihre jeweiligen Wertegefüge eingebaut wurde.

Wer von seiner Bandbreite nichts abgibt, und alle seine Dateien für sich behält, der ist ein schimpflicher Geizkragen und keine Lichtgestalt.

Ist es das, was aus der Erfindung Internet hervorgegangen ist? Eine neue "moralische Pflicht", die Ergebnisse meines digitalen Schaffens gefälligst der darbenden Masse anzubieten? Ich muss sagen, ich bin noch leicht schockiert über die Selbstverständlichkeit, mit der hier von einem "instinktiven Menschenrecht" gesprochen wird, ganz so, als ob "Bedürftige" auf die Verfügbarkeit meiner Pornosammlung einen ähnlichen Anspruch hätten wie das örtliche Tierheim auf Futterspenden.

Ich finde es erschreckend, für wie selbstverständlich heute digitale Werte gehalten werden. Offenbar bis zu dem Punkt, an dem geradezu die eigene Existenz bedroht wird, wenn einem der Zugang zu Kopien von Twilight und Hentai versperrt wird. Mich verblüfft es, wie sehr hier das unzensierte Netz, und besonders wichtige Projekte wie wikileaks und tausend kleine, obskure Informationsverbreiter in einen Topf geworfen werden mit denjenigen, die mehr Bandbreite vor allem für die Verbreitung von Robbie Williams und Lady Gaga benötigen. Ich hätte ja nie gedacht, dass mich diese Melange dermaßen aufregt, um hier darüber öffentlich schimpfen zu müssen.

Was denkt ihr über diese Meldung und diesen Kommentar? Einfach nur durchgeknallt oder die Zukunft der digitalen Welt?

P.S.: Ja, ich habe auch schon files getauscht. Das ist nicht, was mich aufregt. Aber mir wäre nie eingefallen, mich für die Rechtfertigung meines Tuns auf die Weltreligionen zu berufen :kopfschuettel:
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Re: Die Katastrophe des Digi-Zeitalters und seiner Fürsprecher

Beitragvon Quigor am 17. Dezember 2009, 22:56

Ich habe mir diesen Zeit-Artikel jetzt mal durchgelesen - nicht, daß ich viel davon verstanden hätte! Aber offenbar geht es prinzipiell darum, daß Dinge, für die jemand Arbeit geleistet hat, auch vergütet werden müssen, so man die Hersteller nicht verhungern lassen will, und man bis jetzt keine sinnvolle Methode gefunden hat, dies im Netz zu administrieren.
Insofern kann ich Deine Empörung verstehen, denn Du bist schließlich Informatiker, und ich wäre auch nicht begeistert, wenn man meine Dienste für "Gotteslohn" einfordern würde.

Als eine weltanschauliche Frage kann ich das Ganze dennoch nicht betrachten. Es kann doch wohl nicht so schwierig sein, diese zu sharenden Files mit einem vernünftigen Preis zu versehen, den sie dann mehr oder weniger selbst einfordern: Herunterladen per Netz, Einverständniserklärung per Netz, Abbuchung per Netz. Echt nicht machbar?
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Re: Die Katastrophe des Digi-Zeitalters und seiner Fürsprecher

Beitragvon Metatron am 18. Dezember 2009, 17:00

Nein, ist es nicht. Das ist gleichzeitig Segen und Fluch.

Im "digitalen Zeitalter" herrscht meiner Ansicht nach ein Kampf zwischen zwei verschiedenen Ansichten. Dabei geht es darum, wie die jeweiligen Fürsprecher die "digitalen Wertgegenstände" sehen. Ich versuche einmal zusammenzufassen:

Die einen veranschaulichen ihre Sicht mit einem Buch oder einem anderen konkreten Produkt. Wenn ich ein Buch kaufe, dann wechseln Geld und Ware den Besitzer. Von diesem Geld werden Autor, Verlag und Buchhändler entlohnt. Ein ähnliches Modell versuchen letztere jetzt auch im Netz zu etablieren. Sie legen Wert darauf, dass die digitalen Kopien jede für sich etwas einmaliges sind, wie es ja auch jedes gedruckte Buch ist. Sprich: geht dir ein Buch verloren, musst du es neu kaufen. Verkaufst du es, kannst du nicht mehr darin lesen.

Die andere Gruppe macht sich den Umstand zunutze, dass Kopien im digitalen Zeitalter spottbilig sind. So billig, dass deren Kosten (für Festplatten, Strom, DVD-Brenner, etc.) gar nicht wahrgenommen wird. Ein Buch nachzudrucken ist für den Laien unmöglich. Aber die digitale Revolution hat es auch eigentlich Computerunkundigen ermöglicht, die Daten auf ihrer Phil Collins CD zu vervielfältigen. Auf die Spitze getrieben hat das das Internet, wo die Kosten für eine Kopie auf das zusammenschrumpfen, was du deinem Internetanbieter zahlst, plus den erwähnten Peanuts für Strom und Rechnerbetrieb. Wenn nun das Original einmal in der Welt und in einen Strom aus Bits und Bytes verwandelt ist, steht jeder Privatmann dem Buchhandel in nichts nach, was seine Lieferkapazitäten angeht.
Daher kommt der Bewusstseinswandel: "Wert" schöpft nun nur noch derjenige, der die originelle Leistung erbringt und derjenige, der sie ins digitale überführt. Alle anderen sind gleichgestellt. Alle sind plötzlich Buchhändler.

Und um diese Gleichstellung wird gekämpft. Denn, so die Argumentation der "neuen" Welt, wenn Kopien nichts mehr kosten ist es Wucher, die bisherigen Preise dafür zu verlangen, oder durch Hilfsmittel zu erzwingen, von einem bestimmten "Buchhandel" zu kaufen, statt den freien Wettbewerb zuzulassen. Genauso wie es eine Gängelung des Konsumenten darstelle, ihm über die Verwendung seines Eigentums Vorschriften zu machen (dabei übersehen viele, dass sie auch das Buch nie hätten nachdrucken dürfen). Das ist die zivilisierte Formulierung.
Die weniger argumentative, dafür wesentlich verbreitetere ist purer Egoismus - ich kann den neuen Film von Spielberg früher und kostenlos bekommen. Das ich damit illegal handele ist mir egal, "weil es alle tun und ich nicht erwischt werde".

Was mich dermaßen erbost hat, war aber nicht die Absurdität dieser Aussage. Sondern die Dreistigkeit, mit der dieser Egoismus in dem Zitierten in das Mäntelchen eines "Menschenrechts" gekleidet wurde. Dass jeder, der sich, aus welchen Gründen auch immer, entschließt, seine erworbenen Wertsachen für sich zu behalten hier als Geizkragen und im Widerspruch zu jeglicher Religion stehend dargestellt wird - das hat mich an die Decke geschickt.

Weltanschaulich ist das nicht deswegen interessant, weil ich mich hier genötigt fühle. Sondern weil wir offenbar eine Subkultur am Arsch haben, die so selbstbewusst ist, dass sie selbst offensichtlich Illegales verlangt, statt wie bisher "zivilisiert" zu argumentieren und dabei hinzunehmen, dass es eben auch Menschen gibt, die unter den nicht mal unberechtigten Argumenten einfach ihr Bedürfnis nach kostenloser/billiger Ware verstecken. Und das erstaunt mich - dieser Wechsel weg vom Tolerieren hin zu einer Forderung.

Ich als Informatiker bin da noch fein raus - ich schaffe neue Werte, die ich nicht verbreiten muss, sondern die selbst dazu benutzt werden, Wert zu schaffen. Ich bin quasi der Maschinenbauer des digitalen Zeitalters.
Genauso wie alle Dienstleister fein raus sind - ihre Dienstleistung ist nicht kopierbar. Deswegen musst du dir auch keine Sorgen machen. Aber alle, deren Werke konsumiert und dafür vervielfältigt werden - die müssen schaun, wie sie mit dem Arsch an die Wand kommen. Deswegen sind ja auch bei Musikern jetzt wieder Konzerte der Hit - reine Dienstleistung. Die CD als Konsumartikel wird finanziell dann unwichtig. Aber ist das eine gute Entwicklung?
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